Analyse einer Spielfilmrezension
im Hinblick auf Textlinguistik und Stilistik
Eine Hausarbeit von Tim Fischer
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Theoretische Grundlagen der Textlinguistik und
Stilistik
1.1 Textualitätskriterien
1.2 Stilauffassungen
2. Methodische Grundlagen der Text- und Stilanalyse
2.1 Textlinguistisch-stilistische Analysemöglichkeiten
2.2 Stilistische Gestaltungsmittel
3. Textlinguistisch-stilistische Analyse einer Spielfilmrezension
3.1 Einleitende Bemerkungen
3.2 Thema und kommunikationsrelevanter Kontext
3.3 Betrachtung der Textualitätskriterien und der Stilelemente
Schlussbemerkung
Anhang
Literaturverzeichnis
Filmverzeichnis
_______________________________________________________
Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit soll einen einführenden Überblick
über die beiden sprachwissenschaftlichen Teilgebiete Textlinguistik
und Stilistik geben. Dazu werden in einem ersten Schritt die theoretischen
Grundlagen erläutert, anschließend wird kurz auf die Methodik
der Text- und Stilanalyse eingegangen, und schließlich wird anhand
eines konkreten Textes eine exemplarische Analyse durchgeführt.
Die folgenden Begriffserläuterungen sollen zunächst verdeutlichen,
auf welche Weise sich textlinguistisch-stilistische Analysen mit dem Untersuchungs-gegenstand
,Text' auseinander setzen.
Wie bereits erwähnt, ist die Textlinguistik ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft.
Sie beschäftigt sich "mit dem Wesen, den Merkmalen und der Klassifikation
von Texten sowie mit den Regularitäten der Textproduktion und -rezeption"
(FIX/POETHE/YOS 2003, S. 219).
Die Textlinguistik untersucht Texte demnach als sprachlich-kommunikative
Einheit und will erfassen, was das Gemeinsame an ihnen ist, "was
also das Phänomen ,Text' ausmacht" (ebd., S. 27). Die Stilistik
hingegen befasst sich "mit der konkreten sprachlichen Realisierung
an der Textoberfläche, mit der individuellen Umsetzung von Textsortennormen,
allg. mit der Herstellung von Stil" (ebd., S. 217).
Die Definitionen deuten bereits an, dass beide Disziplinen einen umfangreichen
Themenkomplex als Beschäftigungsfeld haben, so dass im Rahmen dieser
Hausarbeit lediglich auf einzelne Aspekte eingegangen werden kann, die
für eine Analyse, hier beispielhaft an einer Rezension durchgeführt,
am interessantesten und ergiebigsten erscheinen.
1. Theoretische Grundlagen der Textlinguistik
und Stilistik
1.1 Textualitätskriterien
Ein Text ist ein situativ und intentional geprägter Kommunikationsakt,
der immer als Ganzes betrachtet werden muss. Er ist eine Folge von Sätzen,
die wir "als zusammenhängende Einheit empfinden" (LINKE/NUSSBAUMER/PORTMANN
2001, S. 212). In der Linguistik fallen unter die Bezeichnung ,Text' aber
nicht nur die schriftlichen Sprachdokumente, sondern auch alle verbal
geäußerten Sprach-einheiten.
An dieser Stelle sollen nun stichpunktartig acht Kriterien aufgeführt
werden, "die einen Text zum Text machen, die also Bedingung für
Textualität sind" (FIX/POETHE/YOS 2003, S. 16):
1. Kohäsion: Die Komponenten eines Textes müssen durch grammatische
Formen satzübergreifend miteinander verbunden sein, so dass Beziehungen
zwischen den Oberflächenelementen entstehen.
2. Kohärenz: Der Text soll einen Sinnzusammenhang haben. Es muss
also eine inhaltlich-semantische Strukturiertheit erkennbar sein, die
auch das von den Partizipienten gespeicherte Weltwissen mit einbeziehen
kann.
3. Intentionalität: Der Produzent sollte mit der Intention handeln,
einen kohäsiven und kohärenten Text zu bilden, um damit ein
bestimmtes Ziel zu erreichen.
4. Akzeptabilität: Der Rezipient sollte die Erwartung haben, einen
kohäsiven und kohärenten Text vorgesetzt zu bekommen, der für
ihn nützlich und relevant ist.
5. Informativität: Der durch den Text vermittelte Informationsgehalt
muss in angemessener Relation zum beabsichtigten Kommunikationsziel stehen.
6. Situationalität: Jeder Text unterliegt bestimmten situational
geprägten Faktoren, die die Bedeutung des Textes beeinflussen, und
die ihm somit einen kommunikationsrelevanten Kontext geben.
7. Intertextualität: Die Verwendung von Texten steht immer in einem
größeren Zusammenhang. Die Produktion und Rezeption sind von
der Kenntnis anderer, bereits vorhandener Texte abhängig.
8. Kulturalität: Texte sind Hervorbringungen eines bestimmten kulturell
geprägten Sprachwissens, so dass sie folglich auch kulturspezifischen
Charakteristika unterliegen.
Texte, die nach den hier angeführten Kriterien auch als solche bezeichnet
werden können, lassen sich aufgrund ihrer prototypischen Merkmale
einer bestimmten ,Textgruppe' zuordnen. Die Texte einer solchen Textgruppe
können darüber hinaus noch in verschiedene ,Textsorten' (ist
mit dem Begriff ,Genre' vergleichbar) unterteilt werden (quantitativer
Aspekt). Die unter eine bestimmte Textsorte fallenden Texte, folgen dann
wiederum einem ,Textmuster', welches die Anweisung für die inhaltlichen,
funktionalen und formalen Gebrauchs-bedingungen des Textes darstellt (qualitativer
Aspekt).
1.2 Stilauffassungen
Die Produktion eines Textes hängt immer von individuellen Faktoren
ab. "Niemand formuliert genauso wie der andere" (FIX/POETHE/YOS
2003, S. 26). Unter ,Stil' versteht man nun die Art und Weise, wie der
Produzent das Mitzuteilende im Hinblick auf den Mitteilungszweck formuliert.
Folglich entsteht er erst in der Gesamtheit des Textes.
Durch seinen Stil gibt der Produzent dem Rezipienten Informationen über
die zugrunde liegende Situation, seine Beziehungsgestaltung zu ihm, sein
Verhältnis zur Sprache und er entwickelt darüber hinaus eine
gewisse Selbstdarstellung. Der individuelle Stil liefert also sekundäre
Informationen, die über die Primärinformation des Textes hinausgehen.
Im Folgenden sollen zwei grundlegende stilistische Betrachtungsweisen,
die Funktionalstilistik und die pragmatische Stilistik , kurz vorgestellt
werden.
Die Funktionalstilistik untersucht den Aspekt des Normativen eines Textes.
Sie fragt also nach der Angemessenheit der Äußerung. Dabei
wird in vier Hauptfunktionalstile unterschieden: in den Stiltyp der Alltagsrede
(spontan), in den Stiltyp der Belletristik (ausgefeilt, künstlerisch
geformt), sowie in den Stiltyp der Sachprosa, der unterteilt wird in den
Stil wissenschaftlicher Texte (nicht künstlerisch geformt, Dominanz
der Erkenntnisvermittlung) und den Stil der Direktive (Dominanz der Verhaltenssteuerung).
Jeder dieser Stiltypen weist bestimmte Stilelemente und Stilzüge
auf. Da alle sprachlichen Mittel im Textzusammenhang mit anderen Teilen
in Verbindung stehen, bilden sie etwas Ganzheitliches, so dass auch jede
sprachliche Einheit als ,Element' des Stilganzen gesehen werden muss.
Werden nun mehrere solcher ,Stilelemente' auf charakteristische Weise
miteinander kombiniert um eine bestimmte Wirkung zu erzielen, so spricht
man von ,Stilzügen'.
Die pragmatische Stilistik fasst Stil als intentionales Handeln auf. Demnach
ist Stil mit den sprechakttheoretischen Kategorien (vgl. AUSTIN 1972,
SEARLE 1977) Lokution (konkrete Äußerungshandlung mit einer
phonetischen, grammatischen und semantischen Komponente), Proposition
(Bezug auf einen Sachverhalt), Illokution (das Ausführen einer Sprachhandlung)
und Perlokution (das beabsichtigte Auslösen von Wirkungen) beschreibbar.
Folglich kann der Produzent "eine sprachliche Handlung verschieden
formulieren und mit den verschiedenen Arten des Formulierens auch Verschiedenes
bewirken" (FIX/POETHE/YOS 2003, S. 36). Da ,Stil' auf konventionellen
Regeln beruht, erwartet der Rezipient auch etwas Konventionelles, und
reagiert bei Abweichungen entsprechend aufmerksam. Zwei grundlegende Stilverfahren
sind daher das Durchführen (man folgt den Konventionen) und das Originalisieren
bzw. Unikalisieren (man weicht von den Konventionen ab).
2. Methodische Grundlagen der Text- und
Stilanalyse
2.1 Textlinguistisch-stilistische Analysemöglichkeiten
Um einen Text unter textlinguistischen Gesichtspunkten zu betrachten,
bietet sich das Verfahren des Vergleichs an. Dabei wird in drei Arten
unterschieden:
Beim übertextuellen Vergleich wird das zu analysierende Textexemplar
mit Allgemeinwissen und Normen in Beziehung gesetzt. Man hat gewisse Erwartungen
und Vorstellungen bezüglich der strukturellen und stilistischen Beschaffenheit
einer bestimmten Textsorte, und zieht somit einen Vergleich zu einem "vorgestellten
Idealtext" (FIX/POETHE/YOS 2003, S. 47) einer solchen Sorte.
Ausgangspunkt für einen intertextuellen Vergleich sind propositional
gleiche Texte, also solche, die derselben Textsorte angehören, die
aber aufgrund verschiedener Lokutionen und Illokutionen einem jeweils
unterschiedlichen Textmuster folgen.
Der innertextuelle Vergleich untersucht die individuell geprägten
stilistischen Regelmäßigkeiten, die dem Text seine Einheitlichkeit
von Stil geben. "Der Text ist sozusagen immer mit sich selbst identisch
und kann an jeder Stelle mit sich selbst verglichen werden, bildet also
seine eigene Bezugsgröße" (ebd., S. 48).
Im ersten Schritt einer stilistischen Analyse sollte zunächst der
gesamte Text betrachtet werden. Dabei werden der Kommunikationskontext
und das Thema des Textes bestimmt.
Als nächstes werden dann die einzelnen Stilelemente des Textes untersucht.
Diese können, wie bereits erläutert, in Bezug auf ihre Funktion
zu Stilzügen zusammengefasst werden, die eine Mittelebene zwischen
Stilelementen und Stilganzem darstellen. Solche Stilzüge "sind
daher charakteristische Gestaltungsprinzipien" (ebd., S. 51), so
dass sie den Gesamtstil des Textes konstituieren. Im nachfolgenden Kapitel
werden nun einige stilistische Gestaltungsarten vorgestellt.
2.2 Stilistische Gestaltungsmittel
Nach dem römischen Rhetoriker Quintilian gibt es zunächst einmal
vier Arten von Stilfiguren. "Sie sind potentielle Stilelemente und
erhalten ihre spezifische Funktion erst im konkreten Text und in seiner
stilistischen Ganzheit" (FIX/POETHE/YOS 2003, S. 57). Bei den Figuren
des Ersatzes, auch Tropen genannt, wird der eigentliche Ausdruck durch
einen anderen ersetzt, so dass sie auch als lexikalische Figuren bezeichnet
werden. Bekannteste Beispiele hierfür sind die Metapher, die Personifikation
und die Ironie. Die Figuren der Auslassung, die Figuren der Anordnung
und die Figuren der Hinzufügung sind dagegen syntaktische Figuren.
Einige Beispiele hierfür sind jeweils die Ellipse, der Parallelismus
und die Epiphrase.
Alle geäußerten sprachlichen Einheiten lassen sich zudem bestimmten
Stilschichten zuordnen, und sie enthalten darüber hinaus meist noch
nicht-denotative Informationen wie ,Nebensinn', ,Gefühlswert' und
,Verwendungs-beschränkungen', die unter dem Begriff Konnotation zusammengefasst
werden. Durch Konnotationen drückt der Produzent eines Textes demnach
seine individuelle und emotionale Einstellung zum benannten Gegenstand
oder Sachverhalt aus.
3. Textlinguistisch-stilistische Analyse einer
Spielfilmrezension
3.1 Einleitende Bemerkungen
Die Analyse der vorliegenden Spielfilmrezension erfolgt in mehreren Schritten.
Zunächst wird auf das Thema und den kommunikationsrelevanten Kontext
der Rezension näher eingegangen. Dazu wird der Text hinsichtlich
seines quantitativen und qualitativen Aspekts bestimmt (vgl. 1.1), und
es wird versucht ihn entsprechend der Hauptfunktionalstile einzuordnen
(vgl. 1.2). Daran anschließend erfolgt eine chronologische Betrachtung
der Rezension in Bezug auf die Textualitätskriterien (vgl. 1.1) und
die stilistischen Gestaltungsmittel (vgl. 2.2). Ein Schwerpunkt der Untersuchungen
liegt dabei zusätzlich auf den ,sekundären Informationen' (vgl.
1.2), den ,sprechakttheoretischen Kategorien' (vgl. 1.2) sowie den ,Konnotationen'
des Geschriebenen (vgl. 2.2).
3.2 Thema und kommunikationsrelevanter Kontext
Der vorliegende Analysetext "Düster-Drew" ist eine Kundenrezension
zum Spielfilm "Mad Love" und wurde den Produktseiten des Online-Versandhauses
Amazon.de entnommen. Folglich gehört er der Textgruppe ,Rezension'
oder ,Kritik' an, was bedeutet, dass der zu analysierende Text selbst
schon einen Referenzgegenstand besitzt. Die differenziertere Unterteilung
in die Textsorte ,Spielfilmrezension' weist nun darauf hin, dass der Gegenstand
auf den Bezug genommen wird, ein Spielfilm ist. Als Rezipient erwartet
man daher, dass eine solche Rezension wenigstens einige Elemente des hierfür
typischen Textmusters enthält, nämlich eine kurze Inhaltszusammenfassung
des Films, eigene Interpretationsansätze, analytische Kritik sowie
eine abschließende individuelle Bewertung. In der Rezension "Düster-Drew"
sind diese Elemente alle weitgehend enthalten. Der erste Absatz (Z. 1-6)
bildet die Einleitung, der zweite Absatz (Z. 7-22) stellt zusammen mit
dem dritten (Z. 23-31) eine Mischung aus Inhaltswiedergabe und Interpretation
dar, und der vierte Absatz (Z. 32-35) hat die Funktion einer abschließenden
und wertenden Bemerkung.
Funktionalstilistisch lässt sich der Text nicht eindeutig einem
bestimmten Stiltyp zuordnen. Er enthält sowohl typische umgangssprachliche
Elemente einer Alltagsrede wie z. B. "Lang genug hats [sic] ja gedauert,
bis auch Mad Love endlich auf Silberling zu erhalten war." (Z. 5
f.) als auch belletristische Formulierungen wie z. B. "Mad Love ist
einer dieser Ausnhamefilme [sic], die so zur Ausnahme werden, dass er
[sic] etwa einmal im Jahr unter der Woche nachts von der ARD ausgestrahlt
wird." (Z. 1 ff.).
Die Gesamtheit des Textes ist somit durch eine Art "gehobenere Alltagssprache"
bestimmt, was darauf hindeutet, dass der Produzent keine wissenschaftlich-
analytische Kritik verfassen wollte, sondern vielmehr die Intention hatte,
seine Gedanken und Ansichten über den Film sozusagen "von einem
Fan zum anderen" möglichst unkompliziert aber dennoch ansprechend
weiterzugeben. Welcher Mittel er sich dazu bedient, wird im folgenden
Kapitel aufgezeigt.
3.3 Betrachtung der Textualitätskriterien und der Stilelemente
Noch bevor der eigentliche Text einsetzt gibt es schon Hinweise darauf,
wie der Produzent der Rezension den darin behandelten Film persönlich
einordnet. Zum einen erhält dieser von ihm die Höchstwertung
,Fünf Sterne' , was den Schluss nahelegt, dass er ihn als sehr empfehlenswert
erachtet und die folgende Rezension dementsprechend ein positives Bild
des Films aufbauen wird, und zum anderen impliziert der Titel "Düster-Drew"
bereits, dass der Rezensent das ,Düstere' an der Rolle der Schauspielerin
Drew Barrymore als etwas Besonderes empfindet und im Verlauf der Rezension
darauf wahrscheinlich noch genauer eingeht.
Der Rezensionstext enthält bereits im ersten Satz eine Stilfigur
der Anordnung. "Mad Love ist einer dieser Ausnhamefilme [sic], die
so zur Ausnahme werden, dass er [sic] etwa einmal im Jahr unter der Woche
nachts von der ARD ausgestrahlt wird." (Z. 1 ff.). Durch die Wiederholung
des Lexems ,Ausnahme' versucht der Textproduzent deutlich zu unterstreichen,
für wie wichtig er es erachtet, "Mad Love" nicht als gewöhnlichen
Film einzuordnen.
In den beiden folgenden Sätzen ist eine lexikalische Figur des Ersatzes
angewendet worden. "Aber wer ihn da einmal gesehen hat, wird den
[sic] nächsten Ausstrahlungstermin entgegenfiebern oder - viel einfacher
- sich die DVD nach Hause holen. Lang genug hats [sic] ja gedauert, bis
auch Mad Love endlich auf Silberling zu erhalten war." (Z. 3 ff.).
Der Begriff ,DVD' des ersten Satzes, ist im zweiten durch eine Periphrase
ersetzt worden. Aufgrund des Kriteriums der Kohärenz ist eindeutig
klar, dass ,Silberling' ein Tropus für ,DVD' ist. Zusätzlich
enthält der erste Satz die Hyperbel ,entgegenfiebern', mit der ausgedrückt
werden soll, dass man den nächsten Ausstrahlungstermin des Films,
sofern man diesen schon einmal gesehen hat, "sehnsüchtig erwarten
wird". Zusammen mit der Parenthese ,- viel einfacher -' ergibt das
einen Stilzug, dessen illokutiver Akt das Aufzeigen einer Möglichkeit
ist, dieses "sehnsüchtige Warten" schon früher zu
beenden, und dessen perlokutiver Akt die möglicherweise beim Rezipienten
einsetzende Veranlassung zum Kauf dieses Films ist.
Der nächste Absatz beginnt wieder mit einer syntaktischen Stilfigur
der Anordnung. "Ein Film, der wie die meisten, in denen sie mitspielt,
von Drew Barrymore getragen wird. Jeder kennt sie aus (romantischen) Komödien
und weiss [sic], wie sie dort mit ihrem unvergleichlichen Charme und ihrem
einzigartigen Lächeln binnen weniger Minuten jedermann in ihren Bann
gezogen hat." (Z. 7 ff.). Das Personalpronomen ,sie' steht im ersten
Satz noch vor dem Referenzobjekt ,Drew Barrymore'. Die Kohäsion kommt
folglich erst nachträglich zustande. An der Formulierung ,Jeder kennt
sie aus (romantischen) Komödien' wird deutlich, dass der Text hier
unter dem Kriterium der Situationalität betrachtete werden muss.
Der Produzent setzt zum einen voraus, dass die Rezipienten seiner Rezension
wissen, wer Drew Barrymore ist, und zum anderen impliziert er, dass sie
diesen Bekanntheitsgrad durch Komödien erlangt hat. Da ,(romantischen)'
in Klammern gesetzt ist, kann zudem geschlussfolgert werden, dass der
Produzent davon ausgeht, dass es auch Komödien mit Drew Barrymore
gibt, die nicht als ,romantisch' bezeichnet werden können.
Im folgenden Satz wird nun der Bezug zum Titel der Rezension hergestellt.
"In Mad Love zeigt sich die sympathische Ausnahmeschauspielerin von
ihrer anderen Seite (die, wenn man ihre Biographie ein wenig kennt, ihrem
Naturell auch eher entsprechen dürfte)." (Z. 10 ff.). Wie zuvor
erläutert, verbindet der Rezensent mit dem Namen Drew Barrymore überwiegend
,romantische' Rollen. Nach dem Kriterium der Kohärenz ergibt die
Aussage ,von ihrer anderen Seite' in Verbindung mit dem Titel "Düster-Drew"
die Implikation, dass in "Mad Love" die ,andere Seite' von Drew
Barrymore das Darstellen einer eher ,düsteren', und für sie
ungewöhnlichen Rolle, ist. Auch wird das Lexem ,Ausnahme' wieder
aufgegriffen und in einen erweiterten Kontext gebracht, denn nicht mehr
nur der Film wird zur Ausnahme erklärt, sondern darüber hinaus
auch noch die Schauspielerin Drew Barrymore. Der illokutive Akt der in
Klammern gesetzten Aussage ist der Hinweis auf den realen Lebensweg der
Darstellerin, der von ihrem ,romantischen' Rollenbild abweicht, und der
perlokutive Akt ist die dem Rezipienten bewusst werdende Parallelität
zwischen der Person Drew Barrymore und ihrer Rolle der Casey Roberts in
"Mad Love". Dabei ist aber aufgrund der Polysemie des Wortes
,Biographie' unklar, ob auf den tatsächlichen ,Lebensweg' oder z.
B. auf das von Georg Seeßlen verfasste biografische ,Buch' "Drew
Barrymore" Bezug genommen wird, in dem eben gerade diese Parallelität
aufgezeigt wird (vgl. SEEßLEN 2001, S. 89 ff.).
Die nächste Passage enthält wieder einige lexikalische Stilfiguren.
"Drew spielt Casy [sic], die grosse [sic] psychische Probleme hat.
Sie möchte gerne die toughe Teenagerin sein, die sich von niemandem
etwas sagen lassen muss und einfach selbständig ist. Jedoch legen
ihr Depression, Paranoia und schizoide Wahnvorstellungen immer wieder
Steine in den Weg." (Z. 13 ff.). Der Ausdruck ,psychische Probleme'
wird im zweiten Satz durch die Periphrase ,Depression, Paranoia und schizoide
Wahnvorstellungen' ersetzt, wodurch eine Wiederholung desselben Begriffs
vermieden wird, und somit bewirkt dieser Stilzug ein "angenehmeres"
Lesen. Zudem wird die genannte Periphrase personifiziert und zusammen
mit der Metapher ,Steine in den Weg legen' verwendet, was ein deutliches
Hervorheben der ,psychischen Probleme' als Hinderungsgrund zur Folge hat.
Die letzten Sätze des zweiten Absatzes weisen verstärkt einen
hypotaktischen Satzbau auf. "Die Machtlosigkeit gegen diese Krankheiten
und die Hilflosigkeit, mit der Drew ihr entgegentritt, sind harter Stoff
für den Zuschauer und Mad Love hat auch kein wirkliches Hollywood-Happy-End.
Obwohl Drew Barrymore einfach nur packend spielt, bewegt sie sich auf
dem schmalen Grad [sic], der dazu führen könnte, die Zuschauer
zu Krokodilstränen zu provozieren, doch sie meistert diesen Weg sicher."
(Z. 17 ff.). Der Ausdruck ,Krankheiten' im ersten Satz ist wieder ein
Tropus für ,psychische Probleme'. Auch wird hier zum ersten Mal nicht
mehr zwischen der Schauspielerin Drew Barrymore und der Figur Casey unterschieden,
sondern ,Drew' wird fälschlicherweise als Synonym für ,Casey'
verwendet. Aus dem Kontext geht klar hervor, dass der Satz korrekterweise
lauten müsste "Die Machtlosigkeit gegen diese Krankheiten und
die Hilflosigkeit, mit der Casey ihr entgegentritt, sind harter Stoff
für den Zuschauer", da hier eindeutig auf die Handlung und somit
auf die Figur Bezug genommen wird. Damit sind in gewisser Weise die Kriterien
der Informativität und der Kohärenz verletzt worden. Hier ist
also so etwas wie ein Stilbruch vorhanden. Eine mögliche Implikation
dessen ist jedoch, dass der Rezensent die schauspielerische Leistung als
überaus gelungen empfindet, und aussagen möchte, dass die Darstellerin
seiner Meinung nach "voll und ganz in ihrer Rolle aufgeht".
Ein weiteres Indiz dafür ist im zweiten Satz die Aussage ,packend',
die hier im Sinne von ,ergreifend' gemeint ist.
Die folgende Passage ist nur unter dem Kriterium der Intertextualität
zu verstehen. "An ihrer Seite übernimmt Chris O'Donnell den
traurigen Heldenpart. Er kennt sich mit ihren Krankheiten absolut nicht
aus, 'befreit' seine Casy [sic] aber trotzdem aus der Klinik und flieht
mit ihr quer durch Amerika. Doch ist er mit seiner Aufgabe überfordert,
wie er sich irgendwann selber eingestehen muss." (Z. 23 ff.). Daran
dass ,befreit' im Text in Anführungsstriche gesetzt ist, wird deutlich,
dass das Wort hier nicht mit seiner typischen Denotation verstanden werden
soll. Erst unter Bezugnahme des Films, wodurch also so etwas wie Intertextualität
entsteht, ist klar, dass es sich hierbei um Ironie handelt, da Casey im
Film nicht ,befreit', sondern entführt wird. Zudem ist die Perlokution
dieses Vorgehens, dass der Rezipient darüber nachdenkt, ob das ,Entführen'
nicht auch als ,Befreien' interpretiert werden kann.
Im nächsten Abschnitt wird der Rezipient vom Produzenten direkt in
den Text einbezogen. "Chris O'Donnells [sic] ist in seiner Rolle
austauschbar, aber ok. Durch die labile Rolle Drew Barrymores bekommt
O'Donnell natürlich Sympathiepunkte beim Zuschauer, aber - machen
wir uns nichts vor - mit Drew steht und fällt dieser fantastische
Film. Darüber hinaus ist dieser Film offensichtlich immer noch ein
Insider, was ihn natürlich noch attraktiver macht." (Z. 26 ff.).
Der Rezensent versucht mithilfe der Parenthese ,- machen wir uns nichts
vor -' mit dem Leser in einen direkten Dialog zu treten und stellt sich
somit auf eine Ebene mit ihm. Die daraus resultierende Illokution ist,
dass der Produzent dem Rezipienten verdeutlicht, dass er ihn als gleichwertigen
Kommunikations-partner ansieht. Durch den Anglizismus ,Insider' soll zudem
der relativ niedrige Bekanntheitsgrad des Films verdeutlicht werden.
Der letzte Absatz stellt eine zusammenfassende Empfehlung dar. "Fazit:
Drew spielt einfach nur fantastisch überzeugend und man möchte
den Film immer wieder sehen. Jedoch ist er nichts für einen romantischen
Abend eines frisch verliebten Päarchens [sic]. Für jeden anderen
aber ein absoluter Geheimtipp!" (Z. 32 ff.). Mit der Aussage ,man
möchte den Film immer wieder sehen' wird eine Verbindung zum Ausdruck
,entgegenfiebern' des ersten Absatzes hergestellt und auch die Formulierung
,nichts für einen romantischen Abend' fügt sich passend in das
Gesamtbild des Textes ein, da zuvor vom Rezensenten deutlich herausgestellt
wurde, dass "Mad Love" ein ,Ausnahmefilm' ist und daher nicht
mit den typisch ,romantischen' Filmen Drew Barrymores verglichen werden
sollte. Der Ausdruck ,Geheimtipp' ist zudem auf semantischer Ebene mit
,Insider' vergleichbar, da beide Begriffe die Konnotation ,unbekannt aber
empfehlenswert' besitzen.
Die zu Beginn der Analyse aufgestellte Überlegung, dass aufgrund
der ,Fünf Sterne'-Bewertung ein positives und empfehlenswertes Bild
des Films aufgebaut wird, ist somit bestätigt worden.
Schlussbemerkung
Bei der hier durchgeführten Analyse einer Spielfilmrezension konnten
bei Weitem nicht alle der in den Kapiteln 1 und 2 vorgestellten Kriterien
und Untersuchungs-punkte zur Textlinguistik und Stilistik berücksichtigt
werden. Auch enthält der Analysetext noch weitere Stilelemente und
Besonderheiten, deren genauere Betrachtung aber den Rahmen dieser Hausarbeit
überschreiten würde.
Setzt man die analysierte Rezension nun in einen größeren Kontext
und vergleicht sie mit anderen typischen Kundenrezensionen des Online-Versandhauses
Amazon.de, so kann sie in diesem Zusammenhang stilistisch, von einigen
orthografischen Fehlern abgesehen, durchaus als gelungen und gut durchdacht
bezeichnet werden. Dass der Text darüber hinaus auch allgemein als
ansprechend und angemessen empfunden wird, zeigt sich daran, dass auf
der Produktseite von "Mad Love" sechs von sieben Kunden die
Rezension "Düster-Drew" als hilfreich bewertet haben.
Anhang
Düster-Drew, 20. August 2003
Rezensentin/Rezensent: alvy_singer (Mehr über mich) aus Höchste,
nrw Deutschland
"Mad Love ist einer dieser Ausnhamefilme, die so zur Ausnahme werden,
dass er etwa einmal im Jahr unter der Woche nachts von der ARD ausgestrahlt
wird. Aber wer ihn da einmal gesehen hat, wird den nächsten Ausstrahlungstermin
entgegenfiebern oder - viel einfacher - sich die DVD nach Hause holen.
Lang genug hats ja gedauert, bis auch Mad Love endlich auf Silberling
zu erhalten war.
Ein Film, der wie die meisten, in denen sie mitspielt, von Drew Barrymore
getragen wird. Jeder kennt sie aus (romantischen) Komödien und weiss,
wie sie dort mit ihrem unvergleichlichen Charme und ihrem einzigartigen
Lächeln binnen weniger Minuten jedermann in ihren Bann gezogen hat.
In Mad Love zeigt sich die sympathische Ausnahmeschauspielerin von ihrer
anderen Seite (die, wenn man ihre Biographie ein wenig kennt, ihrem Naturell
auch eher entsprechen dürfte). Drew spielt Casy, die grosse psychische
Probleme hat. Sie möchte gerne die toughe Teenagerin sein, die sich
von niemandem etwas sagen lassen muss und einfach selbständig ist.
Jedoch legen ihr Depression, Paranoia und schizoide Wahnvorstellungen
immer wieder Steine in den Weg. Die Machtlosigkeit gegen diese Krankheiten
und die Hilflosigkeit, mit der Drew ihr entgegentritt, sind harter Stoff
für den Zuschauer und Mad Love hat auch kein wirkliches Hollywood-Happy-End.
Obwohl Drew Barrymore einfach nur packend spielt, bewegt sie sich auf
dem schmalen Grad, der dazu führen könnte, die Zuschauer zu
Krokodilstränen zu provozieren, doch sie meistert diesen Weg sicher.
An ihrer Seite übernimmt Chris O'Donnell den traurigen Heldenpart.
Er kennt sich mit ihren Krankheiten absolut nicht aus, 'befreit' seine
Casy aber trotzdem aus der Klinik und flieht mit ihr quer durch Amerika.
Doch ist er mit seiner Aufgabe überfordert, wie er sich irgendwann
selber eingestehen muss. Chris O'Donnells ist in seiner Rolle austauschbar,
aber ok. Durch die labile Rolle Drew Barrymores bekommt O'Donnell natürlich
Sympathiepunkte beim Zuschauer, aber - machen wir uns nichts vor - mit
Drew steht und fällt dieser fantastische Film. Darüber hinaus
ist dieser Film offensichtlich immer noch ein Insider, was ihn natürlich
noch attraktiver macht.
Fazit: Drew spielt einfach nur fantastisch überzeugend und man möchte
den Film immer wieder sehen. Jedoch ist er nichts für einen romantischen
Abend eines frisch verliebten Päarchens. Für jeden anderen aber
ein absoluter Geheimtipp!"
Literaturverzeichnis
AUSTIN, JOHN L. (1972): Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart: Reclam
Verlag.
DE BEAUGRANDE, ROBERT-ALAIN / DRESSLER, WOLFGANG ULRICH (1981): Einführung
in die Textlinguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.
FIX, ULLA / POETHE, HANNELORE / YOS, GABRIELE (2003): Textlinguistik
und Stilistik für Einsteiger. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Unter Mitarbeit
von Ruth Geier. 3., durchgesehene Auflage. Frankfurt am Main: Peter Lang
Verlag.
FLEISCHER, WOLFGANG / MICHEL, GEORG (1975): Stilistik der deutschen Gegenwartssprache.
Leipzig: Bibliographisches Institut.
LINKE, ANGELIKA / NUSSBAUMER, MARKUS / PORTMANN, PAUL R. (2001): Studienbuch
Linguistik. Ergänzt um ein Kapitel "Phonetik und Phonologie"
von Urs Willi. 4., unveränderte Auflage. Tübingen: Max Niemeyer
Verlag.
SANDIG, BARBARA (1978): Stilistik. Sprachpragmatische Grundlegung der
Stilbeschreibung. Berlin/New York: Walter de Gruyter Verlag.
SANDIG, BARBARA (1986): Stilistik der deutschen Sprache. Berlin/New York:
Walter de Gruyter Verlag.
SEARLE, JOHN R. (1977): Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay.
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
SEEßLEN, GEORG (2001): Drew Barrymore. Berlin: Bertz Verlag.
SINGER, ALVY (2003): Düster-Drew. Rezension zum Spielfilm "Mad
Love" (1995). Im Internet: < http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B00009555E/
028-0603777-4712543 > (Aufruf: 2004-02-25).
Filmverzeichnis
Best Men (1997) [dt.: Bloody Wedding - Die Braut muß warten]
Produktion: Motion Picture Corporation of America
Regie: Tamra Davis
Ever After (1998) [dt.: Auf immer und ewig]
Produktion: 20th Century Fox
Regie: Andy Tennant
Home Fries (1998) [dt.: Verliebt in Sally]
Produktion: Warner Brothers
Regie: Dean Parisot
Mad Love (1995) [dt.: Mad Love - Volle Leidenschaft]
Produktion: Touchstone Pictures
Regie: Antonia Bird
Never Been Kissed (1999) [dt.: Ungeküsst]
Produktion: 20th Century Fox
Regie: Raja Gosnell
The Wedding Singer (1998) [dt.: Eine Hochzeit zum Verlieben]
Produktion: New Line Cinema
Regie: Frank Coraci
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