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Stanley Kubrick: "Barry Lyndon" (1973-1975)


"Barry Lyndon" ist Kubricks am wenigsten bekanntes Werk. Da er äußerst selten im Fernsehen gezeigt wird und auch die Videoversion mittlerweile vergriffen ist, ist der Film eine Rarität.

Der Film beruht auf dem Roman "Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon" von William Makepeace Thackeray. Kubrick gibt die literarische Vorlage hier allerdings nicht originalgetreu wieder, sondern greift lediglich bestimmte Handlungsstränge auf.

Die Hauptperson des Films ist der junge Redmond Barry, der gemeinsam mit seiner Mutter in Irland um 1740 lebt. Sein Vater ist bei einem Duell ums Leben gekommen. Die Familie, die ursprünglich adeliger Herkunft ist, muss sich seitdem mühsam ernähren. Barry wird von seiner Cousine Nora verführt. Nora ist aber bereits dem englischen Offizier Quinn versprochen. Dieser gilt als gute Partie und soll der Familie sichere finanzielle Einkünfte bescheren. Barry fordert Quinn zum Duell heraus und schießt ihn nieder. Daraufhin ergreift er die Flucht vor der Polizei. Im weiteren Verlauf der Handlung erfahren wir jedoch, dass das Duell fingiert war und Barrys Cousine Nora den Offizier geheiratet hat.
Barry, der davon nichts weiß, sucht zunächst Schutz in der englischen Armee. Nach den ersten Kriegshandlungen, ergreift er die erste Chance, die sich ihm bietet, um zu fliehen. Als Kurier verkleidet fällt er den Preußen in die Hände und wird zum Kriegsdienst zwangsverpflichtet. Nachdem er dem preußischen Offizier Pottsdorf (gespielt von Hardy Krüger) das Leben gerettet hat, wird er aus dem Kriegsdienst entlassen, soll ab von nun an der Preußischen Regierung als Spitzel beim irischen Chevalier de Balibari dienen. Barry vertraut sich dem Chevalier jedoch an und beide fliehen ins Ausland, wo sie sich mit Falschspiel über Wasser halten.
An einem Hof im belgischen Spa verliebt Barry sich in die schöne Lady Lyndon. Als deren älterer Mann von ihrer Beziehung zu Barry erfährt und kurz darauf das zeitliche segnet, steht einer Heirat der beiden nichts mehr im Wege.

Barry zieht gemeinsam mit seiner Mutter am Hof der Lyndons ein und darf sich nun Barry Lyndon nennen. Bald beginnt er seine Frau zu vernachlässigen und vergnügt sich stattdessen mit deren Zofen. Es bahnt sich ein Konflikt mit dem jungen Lord Bullingdon, Lady Lyndons Sohn aus erster Ehe an. Dieser erkennt den Emporkömmling nicht als seinen neuen Vater an und muss dafür drakonische Strafen über sich ergehen lassen. Lediglich seinem leiblichen Sohn Bryan gegenüber, zeigt sich Barry liebevoll.
Unter dem Einfluss seiner Mutter verschleudert er in kürzester Zeit das Vermögen der Familie, um sich die Freundschaften seiner neuen Standesgenossen zu erkaufen. Er veranstaltet Empfänge und kauft teure Kunstschätze und hofft, sich auf diese Weise in die Kultur des englischen Adels einkaufen zu können. Außerdem bemüht er sich um den Titel eines Lords, um so von seiner Frau unabhängig zu werden. Doch als Barry den inzwischen erwachsenen Lord Bullingdon bei einem Konzert vor dem versammelten adeligen Publikum brutal verprügelt, wenden sich auch seine wenigen Freunde von ihm ab.
Nach diesem Vorfall verlangen die Gläubiger schlagartig die Begleichung ihrer Rechnungen. Barry steht vor dem finanziellen Ruin. Kurz darauf stirbt Barrys Sohn Bryan bei einem Reitunfall. Seine Frau ist geistig verwirrt und unternimmt einen Selbstmordversuch. Daraufhin fordert Lord Bullingdon seinen Stiefvater zum Duell heraus. In dieser Szene will Barry zum ersten mal ritterlich sein. Statt auf seinen Stiefsohn zu zielen, schießt er auf den Boden. Lord Bullingdon schießt ihm daraufhin jedoch ins Bein, das später amputiert werden muss. Verkrüppelt, arm und entehrt schlägt sich Barry nun wieder als Glücksspieler durch.
Der Film unterteilt sich in zwei Teile, die jeweils durch Zwischentitel eingeleitet werden und in ihrer Struktur kontrapunktisch angelegt sind. Der erste Teil erzählt vom Aufstieg des jungen Redmond Barry. Die Handlung erstreckt sich über einen langen Zeitraum (ausgedehnte Zeit). Barry führt ein Wanderleben, das ihn über viele Stationen quer durch Europa führt. In diesem Abschnitt sind deutliche Elemente der Komödie erkennbar.

Im zweiten Teil werden wir Zeuge des Falls der Hauptfigur, der durch Verschwendungssucht, Skrupellosigkeit, Habgier sowie den ödipalen Konflikt mit seinem Stiefsohn Lord Bullingdon ausgelöst wird. Der Verlust des Beines im Duell kann als symbolische Kastration interpretiert werden. Die Handlung spielt sich an einem Ort (dem Schloss der Lyndons) und über ein kurze Zeitspanne ab. Dieser Teil enthält Stilmittel der Familientragödie.

Das 18. Jahrhundert als Bezugspunkt in Kubricks Filmen

Kubrick greift in seinen Filmen häufig einen Bezug zum 18. Jahrhundert auf. Bowmans Odyssee durch den Weltraum endet in einem Louis-XVI.-Salon. Auch Alex de Larges Kleidung in A Clockwork Orange ist ein deutlicher Hinweis auf das 18. Jahrhundert. Das 18. Jahrhundert ist das Zeitalter der Aufklärung (1700-1778). Im Zuge der Aufklärung versuchten die Menschen, sich selbst und ihr Handeln im Licht der Vernunft zu beurteilen. Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse (z.B. Newton, Keppler, Galilei) hatten die Menschen die Vorstellung, jedes Problem durch die Ratio lösen zu können. Daraufhin begannen sie auch, sich kritisch mit ihrem Glauben auseinander zusetzen. Daraus resultierte die Überzeugung, dass der Mensch sein Los selbst bestimmen könne und die Gesellschaft nicht vom göttlichen Willen geleitet sei. Man begnügte sich jetzt nicht mehr mit der Aussicht auf ein glückliches Leben im Himmel, sondern wollte schon auf Erden glücklich sein. Somit ist die Aufklärung die Epoche der Emanzipation des Bürgertums aus der feudalen Ordnung. Diese neue Emanzipation führt am Ende des Jahrhunderts zu den großen Revolutionen in Frankreich und Amerika.
Während Kubrick in seinen Werken bisher lediglich an verschiedenen Stellen auf das Zeitalter der Aufklärung verwiesen hat, ist Barry Lyndon Kubricks Versuch einer authentischen Rekonstruktion des 18. Jahrhunderts.
Kulissen, Kostüme und Landschaften sind der englischen Malerei der Renaissance nachempfunden (insbesondere Gainsborough). Hier ist die Genauigkeit, mit der das Jahrhundert im Film dargestellt wird bemerkenswert. Gedreht wurde ausschließlich an Originalschauplätzen und Innenraumszenen wurden bei Kerzenlicht gedreht. Dies war nur aufgrund neu entwickelter Objektive möglich und verleiht dem Film zusätzliche Authentizität.

Besonders auffällig ist die Langsamkeit des Films, die Zuschauern mit heutigen Sehgewohnheiten einige Anstrengung kostet. Die große Ruhe, die durch lange Einstellungen und sich langsam entwickelnde Tableaus erzeugt wird, soll das Lebensgefühl der Menschen im 18. Jahrhundert widerspiegeln. Der Zuschauer wird mit keiner schnellen Abfolge von Bildern konfrontiert. Häufig steht am Beginn einer Einstellung eine Detailaufnahme. Durch langsames (kaum merkbares) Zurückgehen der Kamera in die Totale wird die ganze Szenerie entfaltet. Mit dem größeren Abstand der Kamera werden die Figuren zu ‚Requisiten' in der Landschaft. Es entwickelt sich eine ungeheure Distanz zwischen dem Zuschauer und den handelnden Personen. Dies ist zum einen typisch für Kubricks Filme, die dem Zuschauer kaum Identifikationsangebote liefern, zum anderen spiegelt sich hier auch die Malerei und das Lebensgefühl des 18. Jahrhunderts (Besinnung auf die Ratio) wider.
Dieser Stil führte zwangsläufig zu Unstimmigkeiten zwischen dem Regisseur und seinen Schauspielern. Diese beklagten sich, dass sie keine großen Aktionsmöglichkeiten hatten und lediglich ihre Gesichter zeigen durften.
Kubricks Montagestil in "Barry Lyndon" ist eher konventionell. Er verzichtet weitestgehend auf Experimente mit der Kamera und der Montage. Bemerkenswert ist hingegen die Schönheit der Bilder sowie die Symmetrie und Geometrie der Szenen. Dies verleiht dem Film eine ungeheure sterile, leblose Atmosphäre, die eigentlich nicht zu der allgemeinen Vorstellung der Epoche passen will. Allerdings ist dieser Ästhetizismus wiederum prägend für Kubricks Stil und visualisiert die Instrumentalisierung der Vernunft im Zuge der Aufklärung.

Das Zusammenspiel von Bildern und Musik spielt auch in diesem Kubrick-Film eine wichtige Rolle. Auch in diesem Punkt wollte Kubrick dem 18. Jahrhundert treu bleiben. Allerdings setzte er neben Irischer Volksmusik, militärischen Märschen und anderen Stücken des 18. Jahrhunderts auch Schuberts "Klaviertrio in e-Moll" zur Untermalung der Bilder ein. Der Einsatz dieses romantischen Musikstücks stellt in gewisser Hinsicht einen logischen Bruch in seinem Konzept der authentischen Rekonstruktion des 18. Jahrhunderts dar und er wurde dafür kritisiert. Kubrick rechtfertigte den Einsatz dieser romantischen Musikstücke damit, dass die Musik des 18. Jahrhunderts das Thema der tragischen Liebe nicht kenne (da nicht rational erfassbar).

In der Erzählhaltung löst sich Kubrick von der literarischen Vorlage Thackerays. Im Roman erzählt Redmond Barry das Geschehen als Ich-Erzähler. Im Film kommentiert und beschreibt ein Erzähler aus dem Off die Ereignisse meist ironisch und distanziert. Häufig nimmt er Ereignisse vorweg (und so jegliche Spannung aus dem Film).


In Barry Lyndon bringt Kubrick seine skeptische Haltung gegenüber dem Fortschrittsoptimismus und dem damit einhergehenden Rationalisierungsprozess während der Aufklärung zum Ausdruck. Kirchmann schreibt hierzu:

"Entgegen der geläufigen Vorstellung von dem Jahrhundert, in dem Vernunft, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ihren Ausgang nahmen, zeichnet Kubrick eine Welt der Gewalttätigkeit, des Krieges, der Spiel- und Duelliersucht."

In seiner distanzierten und sterilen Darstellung des 18. Jahrhunderts thematisiert Kubrick die durch die Aufklärung ausgelöste Entfernung des Menschen von der Natur. Im Zeitalter der Aufklärung grenzt der Mensch all die Dinge aus seinem Weltbild aus, die er nicht mit Hilfe der Ratio erklären kann. Auf diese Weise werden diese Lebensbereiche (insbesondere der Tod und die Erotik) ins Unterbewusste verband und führen unweigerlich zu beträchtlichen Störungen, die sich in Barry Lyndon wiederum in Gewalt entladen.

Das Hauptthema des Films ist das Zusammenspiel von Liebe, Geld und Gewalt.

Geld


Liebe          Gewalt

Schon zu Beginn des Films wird diese Konstellation deutlich. Aufgrund finanzieller Erwägungen, wird Barrys Liebe zu seiner Cousine Nora nicht erwidert. Barry fordert den englischen Offizier zum Duell heraus und muss daraufhin fliehen.

Die Ehe mit Lady Lyndon gipfelt im Duell mit dem Stiefsohn. Zuvor hat Barry durch seine maßlose Verschwendungssucht dass gesamte Vermögen der Lyndons durchgebracht. Am Ende des Films steht er wiederum mit leeren Händen da.

Der Film handelt letztlich von einer gescheiterten Biografie. Ein junger Mann versucht sein Leben rational zu planen (Parallele zum Weltbild der Aufklärung). Im ersten Teil erklärt der Off-Erzähler an einigen Stellen ironisch, dass Barry sich vorgenommen habe, jetzt ein "echter Gentleman" zu werden. Dieses Vorhaben scheitert allerdings aufgrund verschiedener Schicksalsschläge, die mit Geld, Liebe und Gewalt zusammenhängen. Die Menschen werden hier wie fremdbestimmte Marionetten dargestellt, für die es keinen Ausweg aus diesem Kreislauf gibt. Der Kreislauf wird lediglich an einer Stelle des Filmes unterbrochen. Barry hat eine kurze Affäre mit einer deutschen Bäuerin. Dies ist die harmonischste Sequenz des Films. Bezeichnender Weise endet der Film schließlich mit dem Zwischentitel: "They lived and quarreld, the good and the bad, the handsome and the ugly, the rich and the poor. They are all equal now."

Typisch für Kubricks Filme ist, dass er eine Menge Fragen aufwirft, dem Zuschauer aber keine Lösungsansätze anbietet. Aus diesem Grund wurde Kubrick häufig Pessimismus, Ästhetizismus, Fatalismus und Zynismus vorgeworfen. Kirchmann weist darauf hin, dass es Kubrick nicht darum gehe, "mit seinen Filmen Visionen oder positive Utopien von der Welt zum Ausdruck zu bringen. Seine Vision ist eine rein ästhetische, eine rein selbstreflexive."2

D.h., dass seine Filme in erster Linie als Kunstwerke zu verstehen sind.